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WORT

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KS2 - 2021
Stille

Oben auf dem kleinen Hügel schaut er sich um. Niemand zu sehen. Nach all den Jahren hat
er diesen Platz noch immer für sich allein, jeden Tag. Er breitet die Decke aus. Der gleiche
Ablauf: Thermoskanne rechts, Metallbox mit dem Salamisandwich links, mittig der kleine
Notizblock mit eingestecktem Bleistift, daneben die Kamera mit dem großen Objektiv, alles
griffbereit im Halbkreis angeordnet. Er setzt sich und schaut nach oben. Wolkenloser Himmel,
kein Wind, die Morgensonne verbreitet ein weiches Licht. Ein guter Tag.

 

Aus der Ferne das anschwellende Geräusch der ersten Maschine. Weiß, mit blauem Heck,
darauf ein gelber Vogel. Er kennt die Flugpläne. Sein Tag beginnt mit dem Nachtflug aus
Singapur, Landung um 9 Uhr 30. Er beobachtet nur die Landungen. Flugzeuge, die nach dem
Andocken ankommende Menschen ausspucken. Er greift zur Kamera und verfolgt den
Sinkflug mit dem Finger auf dem Auslöser. Sieben Bilder pro Sekunde, das Klicken geht im
Turbinengeräusch unter. Er kennt die Flugpläne, die Reihenfolge der Landungen. In kurzen
Abständen folgen Kopenhagen, Istanbul, London, New York, Wien und Moskau.

 

Die Flugzeuge geben ihm Struktur. Das Warten ist kein gespanntes, aber ein aufmerksames.
Warten ist für ihn nicht Verzicht, sondern eine Haltung. Sie gehört zu seinem Leben, sie ist
sein Leben. Warten als Frage der Zeit zwischen zwei Landungen. Zeit zwischen den Sekunden,
Minuten und Stunden bis nachmittags um drei. Dann macht er sich immer auf den Rückweg
mit leerer Box, leerer Thermoskanne und vielen Fotos landender Flugzeuge.

 

Die Mittagsmaschine um 11 Uhr 55 ist die letzte, bevor er sich Zeit für sein Sandwich nimmt.
Flug RG5665 kommt heute nicht. Kein Geräusch, nichts. Er notiert um 12 Uhr auf den
Notizblock: RG5665? Inzwischen ist der Flug aus Marseille gelandet. Die Maschinen danach
ebenso, unbeachtet.

 

Wie jeden Tag um 15 Uhr rollt er die Decke zusammen, verlässt seinen Platz und geht zur
Haltestelle. Zwei Menschen neben ihm sagen, dass das Flugzeug aus Andorra heute über den
Bergen abgestürzt sei.

 

Ab dem nächsten Tag kommt er nicht mehr zum Hügel, nie mehr. Er wird nicht vermisst.

Schülerinnen und Schüler des Deutschkurses haben als Hausaufgabe Parabeln verfasst. Hierbei ist Pauline Kerns Parabel „Stille“ entstanden.

Mit: Peter Grünewald